„Wir haben neues Fleisch!“ Die Worte der hämisch grinsenden Schwester in Richtung des Präses suchen Heinz bis heute in seinen Alpträumen heim. Dabei waren sie fast noch harmlos im Vergleich zu dem, was das Heimkind sieben Jahre lang über sich ergehen lassen musste. Prügel mit Kleiderbügeln und Schlüsselbunden, Essen verdorbener Speisen bis zum Erbrechen und regelmäßiger schwerer sexueller Missbrauch – der Vollwaise aus der Holzbarackensiedlung hatte als „Hierarchie-Unterster“ keine Chance.
Was die Journalistin und Autorin Dr. Christiane Florin am Montagabend (20.10.) aus ihrem Buch „(K)Einzelfall – Wie Heinz ein katholisches Heim überlebte“ vortrug, machte die Zuhörer im vollbesetzten Saal des Alten Rathauses sprachlos. Florin, die die Abteilung Kultur Aktuell beim Deutschlandfunk Köln und beim Deutschlandfunk Kultur in Berlin leitet, arbeitet seit Jahren an der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals in der Katholischen Kirche mit. Sie war auf Einladung der Pfarrei St. Sixtus im Rahmen der Ausstellung „Shame – European Stories“ zu Gast in Haltern.
Moderiert wurde der Abend von Prof. Dr. Thomas Schüller, Kirchenrechtler an der Universität Münster und Mitglied der unabhängigen Aufarbeitungskommission des Bistums Münster. In seinen einleitenden Worten bestätigte Schüller, dass Heimkinder „die vergessene Gruppe der Opfer sexueller Gewalt“ seien. Heinz, der zu dieser Gruppe gehört und eigentlich anders heißt, hat Autorin Florin seine Geschichte erzählt, über die er jahrzehntelang nicht sprechen und die er sogar seiner Frau erst nach 35 Jahren Ehe offenbaren konnte.
Gewalt nicht als Strafe, sondern ganz willkürlich
„'(K)Einzelfall' ist eine Leidensgeschichte, aber auch die Geschichte eines Mannes, der sehr viel Kraft und Mut hat“, so Florin. Als Heinz sechs Jahre alt ist, begeht sein Vater Selbstmord. Ein Jahr später stirbt die Mutter. Die meisten seiner neun Geschwister kommen in Pflegefamilien, er und sein Bruder ins Heim „Maria in der Drucht“ in Duisburg, eine „Verwahranstalt gegen Verwahrlosung“. Die beiden standen als Vollwaisen ganz am Ende der Rangfolge; wer keine Eltern mehr hatte, war der Gewalt im Heim voll ausgeliefert – nicht als Strafe, sondern ganz willkürlich. Bis hin zur wöchentlichen Vergewaltigung.
Auch als Heinz das Heim längst verlassen, eine Ausbildung gemacht und geheiratet hat, ist „das Alte“ stets da. Der zweifache Vater trinkt, wird aggressiv, schlägt auch mal zu – jedoch niemals in seiner Familie, die er aufopfernd beschützt.
2009 fährt er mit seiner Frau zum ehemaligen Standort des Heims, wo Kirche und Aula nach wie vor erhalten sind. Ihm wird schlecht.
Nach mehreren Suizidversuchen macht Heinz kehrt, entsagt dem Alkohol, will „nie wieder ohnmächtig sein“. Er sucht nach Leidensgenossen, findet sie, vielen geht es noch schlechter. Er wendet sich an den Heimträger, die Caritas, und kämpft seither um Aufklärung. Eine schwierige Mission – es gibt so gut wie keine Gutachten von den Heimen, die Akten der Duisburger Einrichtung existieren laut dem Träger nicht mehr – und im Rahmen eines immerhin anberaumten Runden Tisches fragt ein Vertreter des Trägers die drei eingeladenen Opfer, warum sie überhaupt Aufklärung wollen.
Ein Drittel der ehemaligen Heimkinder hat Gewalterfahrung
Christiane Florin bestätigt ihrerseits, sie sei im Rahmen einer Recherche selten auf derart dicke Mauern gestoßen wie hier. „Komisch, dass die Teerezepte einer Hildegard von Bingen noch erhalten sind, aber keine Heimakten aus Duisburg“, bemerkte Florin lakonisch. Immerhin habe sie herausgefunden, dass für den beschuldigten Präses, der längst verstorben ist, regelmäßig gebetet wird. „Im Direktorium wurde sein Name auch genannt – er war also bekannt.“ Im Totenbrief stehen lobende Worte, aber auch etwas über eine auffällig lange Kaplanzeit. Und schließlich brachte sie in Erfahrung, dass die Beschuldigungen gegen den Präses – und seinen Vorgänger – seit 2011 bekannt waren.
Als „(K)Einzelfall“ herauskam, habe sich die Caritas Duisburg bei ihr für das „wertvolle Buch“ bedankt und sie zu einem Gespräch eingeladen, so Florin. Man hatte eine Juristin das Buch lesen und beurteilen lassen – und ihr zufolge sei die Kritik „in weiten Teilen berechtigt“. Nun hat die Caritas bei der Uni Ulm ein Forschungsprojekt angestoßen – „immerhin“. Und auch das Land NRW habe sich gerührt und Untersuchungen zu Medikamentenversuchen in Heimen in Auftrag gegeben.
Dennoch sei die Aufarbeitung noch ein sehr langer, mühevoller Weg mit vielen Widerständen – und gleichzeitig unerlässlich. Ein Drittel der Heimkinder soll Gewalterfahrungen gemacht haben.
Heinz hat sich inzwischen zu einer Therapie entschlossen. Und er hatte sich ein kleines Denkmal vor dem ehemaligen Heim gewünscht, das laut Caritas Duisburg jedoch „nicht geplant“ sei. Inzwischen würde ihm schon eine Tafel genügen, ohne Namen, ohne den Begriff „Missbrauch“. Einfach nur „Im Gedenken an die misshandelten Kinder“.
Im Anschluss an die Lesung und einer Pause, in welcher die Besucher das Buch und weitere Werke zum Thema am Stand der Buchhandlung Kortenkamp erwerben und das Gehörte „sacken lassen“ konnten, kamen Christiane Florin, Thomas Schüller und Michael Ostholthoff zu einer offenen Gesprächs- und Diskussionsrunde auf die Bühne. Seitens des Publikums kam etwa die Frage auf, welche Rolle die Frauen in den Einrichtungen spielten. „Dies ist tatsächlich noch ein ziemliches Tabu-Thema“, bestätigte Schüller. Erwiesen sei jedoch, dass Frauen in diesem Rahmen nicht nur als Komplizinnen auftraten, sondern auch oft besondere Rohheit und Sadismus an den Tag legten.
Ob sich die Kinder nicht an ihre Lehrer, die sie oft in externen Schulen unterrichteten, hätten wenden können? „Das hätte keines der Kinder gewagt“, so Schüller.
Weiterhin „Andockpunkte“ in Haltern
Auf Schüllers Frage, wie Kirche und karitative Einrichtungen aktiv werden und glaubwürdig bleiben könnten, bestätigte Ostholthoff, dass man sich das Thema Missbrauch in Haltern nicht ausreden lassen und weiterhin aktiv Andockpunkte für Betroffene wie Lesungen, Konzerte oder ähnliches anbieten werde. „Es braucht ganz unterschiedliche Wege von Betroffenen, auf uns zuzugehen“, so der Seelsorger. „Aber ich erfahre persönlich, dass sie es tun – und es berührt und bewegt mich sehr, dass ich als Pfarrer schon von einigen Betroffenen als Ansprechpartner ausgewählt wurde. Betroffene suchen offenbar auch gerade in unseren Reihen Gewährsmenschen, die ihnen Raum in dieser Kirche geben.“ Auf Florins Bemerkung, sie selbst wolle den Opfern nicht „zur Seite stehen“ sondern das Unrecht aktiv sichtbar machen und handeln, erklärte Ostholthoff, dass genau das gerade in der Pfarrei passiere. „Der Kirchenvorstand von St. Sixtus hat beschlossen, den Betroffenen aus unserer Pfarrei den Anwalt bei einer Klage zu bezahlen. Denn im Gegensatz zu den Bischöfen, die sich die teuersten Juristen holen, können sich die Opfer oft keine anwaltliche Hilfe leisten. Dafür sorgen wir jetzt. Das ist beileibe nicht ohne Risiko, aber wir wollen zeigen, auf wessen Seite wir stehen.“
An Florin gerichtet sagte Ostholthoff: „Bitte konfrontieren Sie uns weiter!“
Die Ausstellung „Shame – European Stories“ ist noch bis zum 15. November in der Pfarrkirche St. Sixtus und im Alten Rathaus zu sehen.