»Denn ich will euch eine Zukunft und eine Hoffnung geben.« Jeremia 29,11

Forumsgespräch zum sexuellen Missbrauch

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Forumsgespräch zum sexuellen Missbrauch

"Wann hören wir auf, 'betroffen' zu sein?" - Rückschau auf unser Forumsgespräch

Das Forumsgespräch zum Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche am vergangenen Freitagabend fand große Resonanz: Mit Dr. Christiane Florin, Antonius Kock, Peter Frings und Michael Ostholthoff waren vier Gäste miteinander und mit dem Publikum in der Marienkirche im Gespräch, die ganz unterschiedliche Erfahrungen, Sichtweisen und Einstellungen darlegten. Und durchaus auch für Momente sorgten, in denen manchem die Luft wegblieb.

Der Auftakt durch Sopranistin Anne Klare und Pianist Jens Hamer, die so berührend wie drastisch-provokant Missbrauch und Unterdrückung in ein vermeintlich leichtes musikalisches Gewand hüllten, machte bereits deutlich, dass die Samthandschuhe an diesem Abend in der Schublade bleiben würden. Moderatorin Cäcilia Scholten bat die Gäste zunächst um ein kurzes Statement zur Missbrauchsstudie des Bistums Münster – und Antonius Kock, selbst Missbrauchsopfer und in der Betroffenenhilfe aktiv, fand durchaus lobende Worte. „Ich freue mich vor allem, dass bei der Übergabe des Gutachtens an den Bischof so viele Betroffene auf der Bühne waren. Das ist ein riesiger Schritt auf dem Weg, aus der Opferrolle herauszukommen und selbstbestimmt mit der Vergangenheit umzugehen.“ Dass die Kirche eine Täterorganisation sei, habe man jetzt schwarz auf weiß. „Und wir wollen keine Betroffenheitslyrik, wir wollen Respekt. Dieser wurde uns von den Verfassern der Studie entgegengebracht, nicht aber vom Bistum.“ Der Wiederaufbau von Vertrauen könne nicht von oben angeordnet werden, sondern nur in der persönlichen Begegnung, in der Basisarbeit erfolgen.

Politikwissenschaftlerin und Journalistin Dr. Christiane Florin gab sich da pessimistisch: „Ich habe inzwischen sieben Missbrauchsstudien aus ganz Deutschland gelesen. Der Befund ist stets derselbe: eine Eiseskälte der sogenannten Verantwortlichen, die Fürsorge galt immer den Beschuldigten und Tätern.“ Das Münsteraner Gutachten beschreibe eine „katholische Hölle“, die die Täter schütze, und sie könne dieses ewige „Ich habe Fehler gemacht“ nicht mehr hören: „Das sind keine Fehler, das ist kriminelle Energie. Die Bischöfe kleben am Amt, auch wenn sie das Gegenteil behaupten.“

Auch Peter Frings, Interventionsbeauftragter des Bistums Münster, ist „froh, dass bei der Münsteraner Studie Historiker am Werk waren“. Denn Kirche sei eine moralische Institution, und ein rein juristisches Gutachten sei hier gar nicht möglich. Allerdings, so Frings, dürfe man nicht allein auf die Kirche schauen. „Es gibt Hinweise, dass auch in karitativen Einrichtungen Missbrauch stattgefunden hat. Auch dieses Feld muss beackert werden, nicht nur das der Kirche.“ Eine Aussage, mit welcher der Jurist sichtliche Irritation bei Publikum und Gästen hervorrief.

„In was für einem Scheinsystem hast du dich da eigentlich aufgehalten?“

Pfarrer Michael Ostholthoff stellte fest, dass der Satz „Aber es muss irgendwann doch auch mal gut sein“ immer noch viel zu oft falle – auch auf Gemeindeebene. Positiv überrascht sei er, wie viel Raum den Betroffenen im Münsteraner Gutachten gegeben wurde – „wobei das immer gleiche Muster auffällt: Täter werden geschützt, Opfer vernachlässigt. Betroffene beklagen, dass sich vielleicht das Verhalten geändert habe, nicht aber die innere Haltung“. Auch die hohe Dunkelziffer beunruhige ihn. Es gebe keine belastbaren Zahlen, wahrscheinlich sei die Täterzahl noch höher. „Spätestens nachdem ein alter Studienkollege, den ich Jahrzehnte kannte, nach entsprechenden Anschuldigungen Selbstmord begangen hatte, habe ich mich gefragt: In was für einem Scheinsystem hast du dich da eigentlich aufgehalten?“

Auch im Publikum wurde die Forderung laut, endlich Taten folgen zu lassen. „Wann hören wir auf, erschüttert zu sein, und fangen an, etwas zu verändern?“ Eine Abkehr von der Überhöhung des Priestertums wurde ebenfalls in den Raum gestellt – nicht ausreichend für Christiane Florin: „Es ist nicht nur das Amt, es ist das gesamte Männerbündische, es ist die verklemmte Sexualmoral. Allein die Aufhebung des Zölibats und die Abschaffung des Priestertums werden nicht ausreichen.“ Und Kirche sei kein demokratisches, sondern ein feudales System: „Man kann eben nicht einfach abgewählt werden!“ Ohnehin sehe sie keinen Bischof, der gewillt sei, institutionelle Veränderungen vorzunehmen. Auch die Aufarbeitungskommission werde wieder unter der Federführung der Kirche arbeiten, beklagte Antonius Kock – „das kann nicht funktionieren!“

Michael Ostholthoff gab zu bedenken, dass sich das Amt wohl ganz von selbst abschaffen werde – es gebe nur noch eine Handvoll Priesteramtskandidaten im Bistum Münster.

 Gefragt zu den Veränderungen, die laut Gutachten im Bistum Münster spürbar seien, antwortete Peter Frings: „Dazu kann ich nichts sagen. Ich kann nur bestimmte Dinge benennen. Mir ist wichtig, dass Hinterzimmerentscheidungen abgeschafft werden.“ Er habe konkrete Ideen gehabt, sei aber nicht weisungsbefugt, was Veränderungen angehe. „Es hängt von uns allen ab! Der Laden muss richtig wackeln, sonst ändert sich nichts. Was am Ende davon übrigbleibt, weiß ich nicht.“ Scharfe Kritik darauf kam von Antonius Kock: „Sie erklären sich für unabhängig, statt dessen verhindern Sie, was aus Sicht der Betroffenen machbar ist: Ein Treffen der unabhängigen Betroffenen wurde untersagt, das Bistum wolle es selber organisieren. Ich selbst wurde ausgeladen, weil mein Missbrauch nicht in der Kirche, sondern in einem Orden stattfand. Am Ende wurde behauptet, das hätten die Betroffenen so entschieden.“ Zur Missbrauchsstudie des Bistums Münster habe Frings einen Serienbrief an die Pfarrer geschickt, den sie in ihrem Namen verlesen sollten. Dies sei lediglich eine Handreichung gewesen, so Frings – aber in seinem Amt könne er die Dinge ohnehin grundsätzlich nur falsch machen. „Na, wir machen unsere Fehler hier lieber höchstpersönlich“, stellte Michael Ostholthoff nach dem hitzigen Schlagabtausch klar.

„Aufhören, mit den Bischöfen Kaffee zu trinken“

Nach möglichen Lösungsansätzen gefragt, erklärte Ostholthoff, er wolle eine Lanze brechen für den Synodalen Weg, der letztlich aus dem Missbrauchsskandal entstanden sei – der jedoch, so Christiane Florin, einen Konstruktionsfehler habe: „Dass die Bischöfe auch hier das Sagen haben!“ Die Laien müssten sich vielmehr emanzipieren und „aufhören, mit den Bischöfen Kaffee zu trinken“. Auch die Gemeinden könnten viel mehr Teil der Aufklärung sein – und die 95 Prozent der Priester, die nicht schuldig sind, können einen großen Beitrag leisten. „Dass diese Veranstaltung hier vor allem auch auf die Initiative eines Priesters, Herrn Ostholthoff, zurückgeht, ist tatsächlich außergewöhnlich.“
Weiterhin wünsche sie sich viel deutlichere Signale aus der Politik, „wo sonst von jedem Kuhstallbesuch getwittert werde“. 

Auch Antonius Kock plädierte dafür, das System Kirche von unten neu aufzubauen – „ohne Hierarchien“. Denn: Als es der Kirche am besten ging, seien die Missbrauchszahlen am höchsten gewesen. Peter Frings sprach sich am Ende ebenfalls deutlich für einen unabhängigen Betroffenenrat aus, „mit entsprechender finanzieller Ausstattung“.

Dann, so die große Hoffnung wohl aller Beteiligten, könnte die Münsteraner Missbrauchsstudie wirklich etwas bewegen und nicht das bewirken, was ein Besucher des Forumsgesprächs so formulierte: „So mancher Betroffene, der hier sitzt, dürfte sich ziemlich scheiße fühlen.“

Am Ende der Veranstaltung übergab Michael Ostholthoff die Petition der Pfarrei St. Sixtus zum Missbrauchsskandal an Peter Frings – fast 1700 Unterschriften waren im Rahmen der Aktion zusammengekommen. Die Türkollekte kam der unabhängigen Betroffenenhilfe im Bistum Münster zugute.

Und noch bis lange nach Veranstaltungsende blieben die Forumsgäste und Besucher im Gespräch.